3 Assimilation


Assimilation

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As|si|mi|la|ti|on 〈f. 20〉 Sy Assimilierung
1. Anpassung, Angleichung; Ggs Dissimilation (1)
2. 〈Biol.〉 Umwandlung der von einem Lebewesen aufgenommenen Stoffe in körpereigene Substanz; Ggs Dissimilation (2)
3. 〈Genetik〉 erbliche Fixierung eines erworbenen Merkmals
4. 〈Pol.〉 das Angleichen einer Minderheit an die Kultur einer Mehrheit
5. 〈Psych.〉 Verschmelzung einer Vorstellung mit einer bereits vorhandenen zu einem neuen Ganzen
6. 〈Gramm.〉 Angleichung eines Lautes an den benachbarten, z. B. mhd. „zimber“ an „Zimmer“; Ggs Dissimilation (3)
[<lat. assimilatio „Anpassung“; → assimilieren]

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As|si|mi|la|ti|on [lat. assimilatio = Angleichung, Nachbildung]: die unter Energieverbrauch erfolgende Aufnahme von Grundstoffen in den Stoffwechsel der Lebewesen zwecks Aufbau von Körpersubstanz (Baustoffwechsel; Anabolismus). Mensch, Tiere u. die meisten Mikroorganismen wandeln aufgenommene org. Stoffe in Zellbausteine um (heterotrophe A.), während sich Pflanzen u. manche Bakterien lithotroph ernähren müssen (autotrophe A., z. B. Photosynthese, Stickstoff-Fixierung). – Ggs.: Dissimilation.

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As|si|mi|la|ti|on, die; -, -en [lat. assimilatio = Ähnlichmachung, zu: assimilare, assimilieren]:
1.
a) (Biol.) das Assimilieren (1);
b) Angleichung, Anpassung:
die A. an bestehende Verhältnisse.
2. (Sprachwiss.) Angleichung eines Konsonanten an einen anderen (z. B. das b in mhd. lamb zu m in nhd. Lamm).
3. (Soziol.) Angleichung eines Einzelnen od. einer Gruppe an die Eigenart einer anderen Gruppe, eines anderen Volkes.
4. (Psychol.) Angleichung neuer Wahrnehmungsinhalte u. Vorstellungen an bereits vorhandene.
5. (Physiol.) Bildung von Assimilaten.
6. (Genetik) erbliche Fixierung eines erworbenen Merkmals.

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Assimilation
 
[zu lateinisch assimilare »ähnlich machen«] die, -/-en,  
 1) allgemein: Angleichung, Anpassung.
 
 2) Biologie: die unter Energieverbrauch stattfindende Überführung der von einem Lebewesen aufgenommenen Stoffe in Körpersubstanz. Bei der heterotrophen Assimilation, wie sie bei Menschen, Tieren, Pilzen und den meisten Bakterien vorliegt (heterotrophe oder chemoorganotrophe Organismen), werden über die Nahrung aufgenommene organische Stoffe organotroph in körpereigene umgewandelt, während bei der autotrophen Assimilation (grüne Pflanzen, bestimmte Bakterien) von anorganischen Stoffen (lithotrophe Organismen) ausgegangen wird.
 
Die lichtabhängige Kohlenstoffassimilation ist die wichtigste Form der pflanzlichen Assimilation. Sie spielt sich in den Chloroplasten besonders der Blätter in zwei Schritten ab (Photosynthese), in denen aus Kohlendioxid (CO2) und Wasser (H2O) letztlich Kohlenhydrate (Glucose und Assimilationsstärke) gebildet werden. Die Kohlenstoffassimilation liefert somit die für heterotrophe Organismen notwendigen energiereichen Verbindungen. Die hierfür erforderliche Energie kommt aus der phototrophen Umwandlung der durch die Chloroplasten absorbierten Lichtenergie in chemische Energie. Die bei diesen Prozessen stattfindende Spaltung des Wassers (Photolyse) setzt molekularen Sauerstoff (O2) frei, der zum größten Teil ausgeschieden wird und somit den durch die Atmung aller Organismen verbrauchten Sauerstoff in der Luft regeneriert. Lichtunabhängige Kohlenstoffassimilation findet sich bei einigen Bakterien, die die erforderliche Energie aus der Oxidation von Nitriten, Eisenverbindungen, Ammoniak, Schwefelwasserstoff u. a. gewinnen (Chemolithotrophie).
 
Die Stickstoffassimilation ist ein weiteres Beispiel der Assimilation anorganischer Stoffe bei Pflanzen. Bei der wichtigsten Form, der Nitratassimilation (Nitratreduktion), werden die über die Wurzeln aufgenommenen Nitrate (NO-3 -Ionen) über Nitrite (NO-2-Ionen) bis zum Ammoniak (NH3) reduziert, das für die Bildung von Aminosäuren nötig ist. Manche Blaualgen und Bakterien (Knöllchenbakterien) besitzen die Fähigkeit, elementaren Stickstoff (N2) zu binden und mithilfe des Multienzymkomplexes Nitrogenase ebenfalls in Ammoniak umzuwandeln. Die hierfür benötigte Energie stammt bei den Blaualgen wie auch bei der Nitratreduktion der grünen Pflanzen v. a. aus der Photosynthese, bei den Knöllchenbakterien dagegen aus der Dissimilation.
 
Schwefelassimilation: Ebenso wie durch die Nitratreduktion können grüne Pflanzen auch über die Wurzeln aufgenommene Sulfate (SO2-4-Ionen) mithilfe von Lichtenergie bis zur Stufe von Schwefelwasserstoff (H2S) reduzieren (Sulfatatmung), der in Form von SH-Gruppen (Sulfhydrylgruppen) v. a. in Proteine (Enzyme u. a.) eingebaut wird. Da die Fähigkeit zur biologischen Nitrat- und Sulfatreduktion auf die Pflanzen (und viele Bakterien) beschränkt ist, bildet sie auch in dieser Hinsicht die Existenzgrundlage aller heterotrophen Organismen.
 
 3) Petrologie: Aufnahme und Aufschmelzung von Nebengestein in ein schmelzflüssiges Magma, wodurch dieses chemisch stark verändert werden kann (Hybridisierung).
 
 4) Psychologie: Verschmelzung von früheren Wahrnehmungen mit neu hinzukommenden, wobei die bestehenden durch die neuen Eindrücke verändert werden oder umgekehrt; das Resultat dieses Prozesses wird von A. N. Leontjew als Aneignung gesellschaftlich-historisch entstandener Erfahrung verstanden. Assimilation ist nach C. G. Jung die Angleichung eines Objektes der Innen- oder Umwelt an die Vorstellungen und Bewusstseinsinhalte des Subjekts, im Unterschied zur Dissimilation; kognitive Assimilation ist bei J. Piaget im Unterschied zur Akkommodation die Einpassung von Wahrnehmungsinhalten und Erfahrungen in Verhaltensschemata des Subjekts. Die Assimilation bestimmt die Adäquatheit oder Verzerrung des subjektiven Wirklichkeitsbildes (Kontrast, optische Täuschungen).
 
 5) Soziologie: jede Angleichung im gesellschaftlichen Leben, insbesondere ein Vorgang der Durchdringung und Verschmelzung, bei dem einzelne oder Gruppen die Traditionen, Wert- und Verhaltensmuster anderer Gruppen übernehmen und in diesen allmählich aufgehen (z. B. bei der Entstehung des amerikanischen Volks). Die Assimilation umfasst als Enkulturation und Akkulturation auch das Hineinwachsen in die eigene oder fremde Kultur, endlich jede Angleichung an die umgebenden Gruppen (z. B. Familie, Nachbarschaft, Wohngemeinde, Volk; Berufsverband, Klasse, Staat) sowie zwischen Angehörigen verschiedener sozialer Schichten oder Klassen. Sie ist ein wesentlicher Faktor des Wachstums von Stammesgruppen, Völkern, Sprach- und Religionsgemeinschaften.
 
 6) Sprachwissenschaft: Abstimmung zweier Laute aufeinander hinsichtlich ihrer Artikulationsstelle oder ihrer Artikulationsart. Sie können unmittelbar aufeinander folgen (Kontaktassimilation) oder verschiedenen Silben angehören (Fernassimilation, wozu auch der Umlaut gehört). Bei perseverativer (progressiver) Assimilation wird der zweite Laut durch den vorangehenden, bei antizipativer (regressiver) Assimilation der erste durch den folgenden Laut verändert, z. B. »lamb« (mittelhochdeutsch), »Lamm« (neuhochdeutsch); »factum« (lateinisch), »fatto« (italienisch). Bei reziproker Assimilation entsteht infolge gegenseitiger Einwirkung ein dritter Laut (umgangssprachlich »gehmer« für »gehen wir«). Man unterscheidet ferner partielle Assimilation oder Anähnlichung (z. B. mittelhochdeutsch »aneboz«, neuhochdeutsch »Amboss«; Verwandlung des labiodentalen »n« in das - wie das folgende »b« - bilabiale »m«) und totale Assimilation oder Angleichung (z. B. mittelhochdeutsch »tump«, neuhochdeutsch »dumm«). Grammatische Assimilation heißt Attraktion.
 

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As|si|mi|la|ti|on, die; -, -en [lat. assimilatio = Ähnlichmachung, zu: assimilare, ↑assimilieren]: 1. a) (Biol.) das Assimilieren (1); b) Angleichung, Anpassung: die A. an bestehende Verhältnisse. 2. (Sprachw.) Angleichung eines Konsonanten an einen anderen (z. B. das b in mhd. lamb zu m in nhd. Lamm). 3. (Soziol.) Angleichung eines Einzelnen od. einer Gruppe an die Eigenart einer anderen Gruppe, eines anderen Volkes: „Man hat herausgefunden“, ... „dass die A. der Juden mit ihrer Umgebung abhängig ist von deren kulturellem Anreiz“ (Saarbr. Zeitung 3. 10. 79, 6). 4. (Psych.) Angleichung neuer Wahrnehmungsinhalte und Vorstellungen an bereits vorhandene. 5. (Physiol.) Bildung von Assimilaten. 6. (Genetik) erbliche Fixierung eines erworbenen Merkmals.

Universal-Lexikon. 2012.

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